Hochsensibilität

Hochsensibilität – Bürde oder Superkraft?

Als High-Sensitive-Person* filtert man Sinnes-Wahrnehmungen anders. Jeder HSP hat da so seine individuellen „Schwerpunkte“, bei denen er einen Sinnes-Reiz stärker wahrnimmt als andere. Manche empfinden Licht schnell als grell oder ein Geräusch als schrill. Andere (um genau zu sein ich) nehmen Gerüche, physische Empfindungen oder Stimmungen sehr stark wahr. Es wird quasi weniger gefiltert beziehungszweise mehr „reingelassen“.

Vor- und Nachteile der intensiveren Wahrnehmung

Jede dieser intensiveren Wahrnehmungen hat seine Vor- und Nachteile. Ich beschränke mich mal auf meine eignen, da ich euch diese aus erster Hand schildern kann. Gerüche können betörend gut sein, geradezu bezaubernd und genussvoll. Sie können aber auch äußerst unangenehm sein und mich persönlich zum Teil „in den Wahnsinn treiben“. Ich rieche dann nur noch den üblen Geruch der Person neben mir oder die Käs-Füße des Yoga-Schülers in der Nähe meiner Matte.

Geräusche, vor allem Stimmen (sorry an die Menschheit :D) können mich richtig aggressiv machen. So, wie man manche Menschen einfach „nicht riechen kann“, kann ich manche Menschen „nicht hören“. Etwas, das für einen nicht-HSPler absurd klingen mag.

Wenn ich von physischen Empfindungen spreche, dann kann eine Massage oder eine besonders weiche Decke großen Einfluss auf mein Wohlbefinden nehmen und dieses sogar bestärken. Genauso kann ein kratziger Pullover, trockene Haut auf Satin-Stoff oder ein Schnitt an Papier das Gegenteil bewirken. Auch das Schmerzempfinden ist bei mir stärker ausgeprägt und beeinflusst meine Stimmung.

Meine persönliche Herausforderung

Apropos Stimmung. Das ist für mich der wohl noch herausforderndste Punkt meiner Hochsensibilität. Dazu muss ich etwas ausholen, da ich die Verunsicherung, die mit diesem Thema einhergeht schon lange mit mir rumtrage. Konkret geht es um Situationen, in denen ich bereits als Kind Verstimmungen von zum Beispiel Erwachsenen wahrgenommen habe und diese aber nicht einordnen konnte. Ich habe bereits damals diese Stimmungen auf mich bezogen – im Sinne von „Habe ich etwas falsch gemacht?“.

In der Kommunikation mit mir wurden diese Wahrnehmungen leider nie besprochen. Ich „bilde mir da nur was ein“ oder „es könne mir doch egal sein, wenn jemand komisch schaut“. Oder man hat sich über mich lustig gemacht. Das war alles, was ich dazu mit auf meinen Weg bekam.

„Lege dir ein dickeres Fell zu“ – ja, ist klar (not!!!)

Als ich in die Pubertät kam, wurde mir geraten mir „ein dickeres Fell zuzulegen“. Ein Hinweis, den zu 99% jeder HSP schon mal bekommen hat. Der Witz an der Aussage ist, dass GENAU DAS eines der Dinge ist, die wir nicht können. Und GENAU DAS ist das, was wir uns so oft wünschen. Ein dickeres Fell, Abstumpfung, eine Rüstung, weniger wahrnehmen, weniger spüren.

Gute Nachrichten

Die gute Nachricht ist, dass hochsensible Personen bereits in dem Moment der Selbsterkenntnis eine Besserung in Ihrem Befinden spüren. Ihre besondere Sensibilität hat endlich einen Namen und das Beste ist: Es gibt nicht nur sie, es gibt auch andere, die so fühlen.

Hochsensibilität ist auch keine Krankheit oder Störung. Es ist lediglich ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich dadurch kennzeichnet, dass eine HSP äußere Reize weniger stark filtern kann als andere. Wir sehen, hören, spüren mehr! Klingt wie eine Superkraft, oder?

Im Anbetracht der „Bürden“, die die Hochsensibilität mit sich bringt, ist sie halt nicht nur Superkraft. Aber dadurch, dass es AUCH Superkraft ist, schärft es den Blick und macht den „Betroffenen“ Lust mehr darüber zu erfahren.

Die eigene Hochsensibilität annehmen und kennenlernen

Natürlich müssen wir im ersten Schritt auf dem Weg der Selbsterkenntnis dieses Persönlichkeitsmerkmal als unseres annehmen. Wir sollten „OK“ finden, dass wir hochsensibel sind und uns damit beschäftigen. Wir müssen lernen in dieser Hinsicht gut für uns zu sorgen. Das heißt die Trigger-Punkte erkennen, meiden oder – wenn unvermeidbar – auszugleichen:

  • Wenn ich zum Beispiel in der Innenstadt unterwegs bin, ist das mir manchmal einfach zu viel Menschen-Gewusel (mit allem was dazu gehört). Ich weiß dann aber, dass ich nur in meine Wohnung zurückradeln kann und da meine Ruhe finde, die ich dann brauche.
  • Wenn es mir zu laut ist oder in der Nachbarschaft jemand (gefühlt den ganzen Tag) den Rasen mäht, ziehe ich Noise-Cancelling-Kopfhörer an.
  • Wenn ich Gerüche der Person neben mir nicht ertrage, setze ich mich um. Natürlich will ich niemandem ein schlechtes Gefühl damit geben (übrigens ein typischer HSP-Gedanke), aber in solchen Momenten darf ein gesunder Egoismus schon sein. Ich muss – nein, ich möchte gut für mich sorgen.

So kann man als selbsterkannter HSP Wege finden, die einen Ausgleich zu den empfundenen „Bürden“ schaffen.

Werde dir deiner Superkräfte bewusst

Sich als HSP seiner Superkräfte bewusst zu werden, ist mindestens genauso wichtig wie den Ausgleich zu den Triggern zu kennen. Meine persönliche Stärke als HSP ist meine Empathie.

Ich möchte, dass sich meine Lieben wohlfühlen, dass es ihnen gut geht und in Dosen darf ich auch dazu beitragen. Ich spüre sehr schnell, wenn jemand von etwas belastet ist – auch wieder Fluch und Segen zugleich… „Was hat sie denn? Ist es wegen mir? …“. Da ich genau hier Schwierigkeiten habe mich abzugrenzen, habe ich mir angewöhnt nachzufragen. Auch diese Frage kostet mich Mut, aber es ist besser als mich in mein Kämmerchen zurückzuziehen und mich zu fragen, was ich falsch gemacht haben könnte.

Ich bin empathisch. Was kannst du?

Es gibt genug Menschen, die die Verstimmung des Gegenübers gar nicht merken und gar nicht nachfragen KÖNNEN! Ich als HSP aber schon. Ich kann da sein, ohne dass es jemand von mir einfordern muss:

Denn…

ICH sehe den alten Mann, der sich zu der Fähre in Griechenland schleppt und dabei seine Tasche kaum tragen kann. ICH habe das Mitgefühl, zu ihm zu gehen und ihn zur Fähre zu begleiten. ICH war die EINZIGE unter ca. 100 Leuten in der Schlange, die sich seiner angenommen hat. Ja, er hätte es auch ohne mich geschafft. Das weiß ich und das wollte und will ich ihm überhaupt nicht absprechen. Mein Gefühl aber sagte mir, dass ich zumindest anbieten kann ihn zu begleiten. Ich kann dir gar nicht sagen wie er gestrahlt hat und wie dankbar er für diesen Moment der kurzen Zusammenkunft war.

PS: Mehr zum Thema Hochsensibilität im Beitrag „Hochsensibel in Zeiten des Coronavirus – vom „Opfer“ in die Verantwortung“.

*Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat den Begriff der Hochsensibilität geprägt. Hier findest du ein Interview mit ihr.