Hochsensibel in Zeiten des Coronavirus – vom „Opfer“ in die Verantwortung

Der Coronavirus hat auch ohne Infektion längst die Köpfe der Menschen infiltriert. Das Gefühl der Unsicherheit und Angst weckt in vielen die Panik, was derzeit vor allem am allgemeinen Kaufverhalten deutlich wird (#hamsterkäufe). Lest diesen Artikel als Erfahrungsbericht einer hochsensiblen Seele* und ihrem Wocheneinkauf in Zeiten des Coronavirus.

Gestern war ich mit meinem Freund einkaufen

Wir gehen jeden Samstag zusammen in den Supermarkt und erledigen unseren Wocheneinkauf. Uns macht das total Spaß und gestern war wieder so ein Tag, an dem ich mich besonders gefreut habe ein bisschen zu „konsumieren“.

Hastiges Geschiebe von Einkaufswägen, angespannte Gesichter

Auf dem Parkplatz des Supermarktes fing es schon an. Autos, die ungeduldig in die und aus den Parklücken sausten. Hastiges Geschiebe von Einkaufswägen, angespannte Gesichter.

Ich merke oft, dass die Nicht-HSPs dies entweder gar nicht oder als ganz normales Szenario an einem Samstag wahrnehmen. Schon dieses „normale“ Verhalten triggert mich als hochsensible Seele manchmal. Wenn ich nicht in meiner Mitte bin, dann reagiere ich richtig allergisch auf das Menschen-Gewusel. Ich fühle mich dann unheimlich gestört, und wäre ich mir meiner Hochsensibilität nicht bewusst, würde ich allen um mich herum die Schuld an meiner Unruhe geben und mich als Opfer sehen.

Das fällt mir nicht immer leicht

Da ich aber seit drei Jahren von meinem „besonderen Empathie-Vermögen“ weiß, stelle ich mich zum einen von vornherein auf Menschengemengen, wie die beim Wocheneinkauf, ein. Zum anderen versuche ich gedanklich und in meiner Aufmerksamkeit bei mir zu bleiben. Das fällt mir nicht immer leicht, denn ich beobachte unheimlich gerne und erfasse, auch ohne bewusstes Beobachten, Situationen oder Stimmungen von anderen sehr schnell.

Das heißt auf der einen Seite, dass ich die Möglichkeit habe mich abzugrenzen und somit aber gleichzeitig mich selbst be-grenze. Auf der anderen Seite habe ich die Möglichkeit, mich meiner Beobachtungs-Freude hinzugeben, dann aber auf die „Gefahr“ hin, dass ich die Stimmung anderer aufnehme oder gar auf mich beziehe. Bei beidem habe ich sehr achtsam mit mir zu sein.

Als Nicht-HSP ist das schwer nachzuvollziehen. Sprüche wie „Die können dir doch wirklich egal sein“ oder „Was kümmerst du dich denn überhaupt um das Geschau von anderen Menschen“ helfen einem HSP hier nicht weiter. Im Gegenteil, sie werten dieses besondere Persönlichkeitsmerkmal ab. Aber das nur am Rande.

Hochsensibel in Zeiten des Coronavirus

Zurück zu dem Titel dieses Blog-Artikels: Hochsensibel in Zeiten des Coronavirus. Gestern war Samstag, der 14. März 2020 – der Samstag, vor dem die Schulen wegen dem neuartigen Coronavirus über Wochen geschlossen sein werden.

Ich will das gar nicht bewerten

Seit einigen Tagen brechen die Menschen zu regelrechten Hamsterkäufen auf. Toilettenpapier, Desinfektionsmittel, TK-Ware und Lebensmittel generell waren Ziel der beunruhigten Bevölkerung. Ich will das gar nicht bewerten – soll jeder so machen wie es ihm möglich ist. Mir geht es eher um die Panik, die hier um die Häuser weht. Denn gestern kam zu dem „normalen“ Supermarkt-Wahnsinn Anspannung und Aggression dazu.

Puh ey, ich sag euch – check erst mal den Zusammenhang zwischen deiner eigenen kippenden Stimmung und der Stimmung deiner Mitmenschen.

Als HSP hilft es zu prüfen:
Ist das „mein’s“ oder spiegel ich gerade jemanden?

Das ist natürlich nicht der Gedanke, der deinen Kopf den ganzen Tag umkreist, sondern du lebst einfach – genau wie alle anderen.
Wenn du aber als HSP merkst, dass deine Stimmung umschlägt, ist es einfach wichtig, sich ein paar Sekunden Zeit zu nehmen um hinzuschauen.

Manchmal hast du diese paar Sekunden aber einfach nicht oder bist selbst nicht gut drauf – dann bleibe als HSP mal bei dir, während dir die Frau hinter dir, an der Kasse ein Loch in den Hinterkopf starrt, weil sie mit ihrer einen Packung Zewa gerne vorgelassen werden würde. Da dir aber vor ihr schon der Bauarbeiter mit seinem Leberkäsbrötchen ein anderes Loch in die Backe gestarrt hat und du ihn vorgelassen hast, hast du jetzt einfach keine Lust noch jemanden vorzulassen. (By the way: Mein Freund hatte weder ihn noch sie in diesem Szenario bemerkt, er ist natürlich auch nicht hochsensibel).

Und dann war es mal wieder so weit…

Davon angetriggert bin ich dann auf dem Parkplatz noch von einem Auto und einem Einkaufswagen geschnitten worden – joa und dann war es mal wieder so weit… ich habe einen Satz gesagt, den ich tunlichst vermeiden will, den ich früher immer wieder gesagt oder gedacht habe, um keine Verantwortung für meine Sensibilität übernehmen zu müssen. Der Satz der allen um mich herum die Schuld an MEINEM Innenleben gibt, nur nicht mir. Ein Satz der zwar verbal meine Mitmenschen abwertet, aber in Wirklichkeit mich und meine Sensibilität abwertet. Ich überspringe diesen Satz mal und schreibe hier lieber gleich die erste und zweite Umkehrung**:

Umkehrung (1) – in die Verantwortung:
Eigentlich lehne ich mich ab, nicht die anderen.“: Anstatt mich und meine Sensibilität liebevoll anzunehmen, lasse ich es zu, dass meine Seele diese Sensibilität mit Stress verbindet, mit Aggression, Hass, Abgrenzung und Ablehnung.

Umkehrung (2) – ins Higher Self:
Ich wähle Mitgefühl – für mich und die anderen.“: Anstatt die Menschen und mich zu verurteilen, bin ich achtsam und kann das was ich alles wahrnehme, wertungsfrei zur Kenntnis nehmen – sowohl meine eigene Stimmung als auch die Stimmung anderer, sowohl mein eigenes Verhalten als auch das Verhalten anderer.

Hoppala

Mein Ego meldet sich gerade und sagt „Aaaaber, wenn die Leute sich halt einfach kacke verhalten, dann kann man ja wohl auch mal genervt sein und sich ärgern!!“.
Ja, liebes Ego, das kann man schon, aber was habe ICH dann davon?

Mein Job ist es dafür zu sorgen, dass es MIR gut geht.

ICH ärgere MICH, ICH bin genervt und ICH allein werde missmutig. Das erschöpft MICH, nicht die anderen. Mein Job ist es dafür zu sorgen, dass es MIR gut geht. Und wenn das heißt, dass du liebes Ego nicht auf deine Kosten kommst, dann ist das so.

Epilog

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir das Achtsamsein Mal mehr, Mal weniger gelingt – auch einfach abhängig davon, ob ich gerade selbst ausgeglichen bin.
Ich empfehle hier eine spielerische Heransgehensweise, die es erlaubt auch mal daneben zu greifen. Einfach üben und sich die Situationen, in denen es sich anbietet achtsam mit sich (und den anderen) zu sein, auszusuchen.

Frage dich: Was brauche ich gerade, damit es mir gut geht?
Denke dabei daran, dass das Ego das Drama zwischen den Menschen liebt und dich immer wieder dazu anstacheln wird, dich dem Trigger hinzugeben und auf den Zug der Aggression aufzuspringen.

*hoch-sensible Person, kurz „HSP“
Wenn dich das Thema „Hochsensibilität“ näher interessiert oder du testen möchtest, ob du vielleicht selbst hochsensibel bist, besuche einfach folgende website: http://www.hochsensibel-test.de/
Hier findest du Infos rund um das Thema und auch einen Test, mit dem du rausfinden kannst, ob du hochsensibel bist.
**Eine sogenannte „Umkehrung“ eines (Glaubens-)Satzes beschreibt die eindringliche Prüfung des (Glaubens-)Satzes. Man hinterfragt diesen Satz oder den Gedanken der zu diesem Denken geführt hat und fragt sich dann ob das wirklich der Wahrheit entspricht. Man fragt sich auch ob dieser Satz wirklich das ausdrückt was der Wahrheit entspricht und ob diese Wahrheit nicht doch woanders liegt.