Antidepressiva: Wirkung & Verantwortung – ein Leserbrief

Ich habe neulich in einem Psychologie-Magazin einen Artikel mit dem Aufmacher auf der Titelseite „Stark ohne Pillen – so gelingt das Absetzen von Antidepressiva“ gelesen. Der Artikel selbst kleidet sich in einem Erfahrungsbericht einer Redakteurin, welche ihren Beitrag mit  „Warum ich mich ohne Pillen gut fühlen möchte“ betitelt hat. Ein Artikel, der mich zu einem Leserbrief über Antidepressiva verleitet hat.

Falsche Fakten und mangelndes Verantwortungsbwusstsein

Sowohl Titelseiten-Teaser als auch Überschrift haben mich stutzig gemacht. Allein der Terminus „Pillen“ wirkt abwertend und ist zudem noch falsch, da das laut Definition runde Kügelchen sind. Wer schon mal Antidepressiva zu Gesicht bekommen hat, weiß, dass es keine runden Kugeln sind.

Darüber hinaus war ich sehr irritiert, dass für so ein sensibles Thema mit einer Art Teaser geworben wird, der an Rezepte zum Abnehmen oder zum Rauchenaufhören erinnert. Wir sprechen hier ja nicht von einer Droge, sondern von einem Medikament, das unter Umständen sogar Leben retten kann.

Ich las also den Erfahrungsbericht der Redakteurin, doch leider löste sich meine anfängliche Irritation nicht auf, im Gegenteil. Die Teils falschen Fakten und das fast nicht existente Verantwortungsbewusstsein in dem Text haben mich zu einem mehrseitigen Leserbrief an die Redaktion der Zeitschrift „angestiftet“:

Betreff: Leserbrief zu dem Aufmacher auf dem Titel: Stark ohne Pillen – so gelingt das Absetzen von Antidepressiva bzw. zum Artikel „Warum ich mich ohne Pillen gut fühlen möchte“

Sehr geehrte Frau Müller (Name geändert), ich beziehe mich auf den oben genannten Artikel von Ihnen. Ich würde gerne sagen, dass ich es beeindruckend finde, dass Sie so offen darüber reden Antidepressiva genommen zu haben, aber das kann ich leider nicht. Denn Ihre Geschichte klingt in meinen Ohren wie ein „Erfolgsbericht“. Für Sie persönlich mag es sich vielleicht wie ein Erfolg anfühlen, aber ist es wirklich eine Geschichte, die man einem so breiten Publikum erzählen muss? Einem Publikum in dem eventuell ebenfalls Patienten sitzen, die in Behandlung sind? Es geht hier letztendlich nicht darum eine Sucht wie etwas das Rauchen losgeworden zu sein. Wir sprechen hier von einem Medikament, das zur Behandlung von Depressionen eingesetzt wird. Ein Medikament, das für Sie vielleicht nicht ÜBERLEBENSwichtig war, für andere aber sehr wohl.

Der Artikel ist inhaltlich falsch und trägt dabei doch eine große Verantwortung!

Der Artikel ist aber zum Teil inhaltlich falsch und trägt mehr Verantwortung, als Ihnen vielleicht bewusst ist. Das Thema Depression ist kein Tabu-Thema mehr, aber wer daran erkrankt, hängt es dennoch nicht an die große Glocke. Kritische Laien-Meinungen zu Psychopharmaka und abwertende Formulierungen zu der Erkrankung begünstigen diesen Scham der Betroffenen über die eigene Erkrankung.

Suizid – finden Sie das in diesem Rahmen nicht erwähnenswert?

Auf den fünf Seiten, die Sie dem Thema Antidepressiva widmen, wird Suizid nur EINMAL erwähnt und dazu nicht mal konkret. Ich weiß nicht was schlimmer ist… Entweder, dass Sie von Depressionen und Antidepressiva sprechen ohne den Hauptgrund für das Verschreiben des Medikaments zu erwähnen – nämlich Suizidgedanken. Oder, dass Sie das Suizid-Thema zumindest 1x anschneiden („wenn man in der Vergangenheit unter suizidalen Neigungen gelitten hat“ – Sie nennen das Kind nicht mal beim Namen!!!) und Sie es aber nicht für nötig halten, ein paar Helplines oder Hilfekontakte unter so einen Artikel abzudrucken.

Da mir sehr wichtig ist, dass Ihnen, Frau Müller, klar ist was genau ich an Ihrem Artikel sowohl inhaltlich als auch ethisch, falsch finde, führe ich meine Meinung im Folgenden weiter für Sie aus:

Die Diskussion an sich

Die Diskussion über die Entscheidung ein Medikament weiterhin zu nehmen oder es abzusetzen, sollte AUSSCHLIESSLICH in den vier Wänden einer ärztlichen Praxis stattfinden – und zwar zwischen Arzt und Patient. Weder das Internet, noch Foren, noch eine Frauenzeitschrift sollten an dieser Stelle den „Berater“ mimen oder als Inspirations-Quelle dienen oder mit Teasern wie „…so gelingt das Absetzen von Antidepressiva“ werben.

Verharmlosung der Erkrankung und falsche Fakten

Frau Müller, in Ihrem Erfahrungsbericht sprechen Sie von „Abhängigkeit“ und verwenden den Begriff „Pillen“ –  die Verwendung beider Begriffe im Zusammenhang mit Antidepressiva ist schlichtweg falsch! Laut Duden sind Pillen „runde Kügelchen“ – das sind Antidepressiva nicht. Und: Arzneimittel in Tablettenform werden nur in der Umgangssprache als „Pillen“.

Nun zur „(Medikamenten-)Abhängigkeit“: Die begriffliche Abgrenzung zwischen „Absetzsyndrom“, das nach dem Absetzen der Antidepressiva auftreten kann, und „Entzugserscheinung“ MUSS an dieser Stelle sein. Nur beim Absetzen von DROGEN spricht man von Entzugssymptomen, welche aus einer UNMITTELBAREN psychischen und physischen Abhängigkeit resultieren. Antidepressiva sind keine Drogen.

Die Symptomatik einer sogenannten „Abhängigkeit“ beschreibt sich mit einer Reihe von AKUTEN Charakteristika. D.h. ein UNMITTELBARES Auftreten der Wirkung bei Konsum bzw. bei Entzug. Exakt so beschreibt sich das Abhängigkeitsverhalten beim Drogenkonsum. Antidepressiva haben KEINE AKUTE Wirkung!

Hier noch weitere Abgrenzungsmerkmale der Antidepressiva von Drogen:

    • Die Wirkung bei der erstmaligen Einnahme von Antidepressiva tritt oft erst nach mehreren Wochen ein – also NICHT akut.
    • Die individuell an den Patienten angepasste Dosis von Antidepressiva wird gehalten und NICHT aufgrund von gesteigerter Toleranzschwelle erhöht (wie es Drogenabhängige meist handhaben). Im Gegenteil wird die Dosis von AD sogar gegebenenfalls reduziert, wenn sich die Beschwerden gebessert haben.
    • Drogenabhängige leiden meist im Verhalten und im sozialen Bereich unter ihrem Konsum. Antidepressiva dagegen können sich äußerst positiv auf das Leben der Patienten auswirken und sogar die Wieder-Teilnahme am sozialen Leben oder gar ein ÜBERleben gewährleisten.

Sie behaupten, sie „genießen ohne Antidepressiva mehr als mit“? Das ist eine weitere Information, die vom Leser falsch interpretiert werden kann. Antidepressiva, wie Sertralin, haben keine sedierende Wirkung! Sie machen nicht abhängig. Ihre Wirkungsweise ist klar erforscht.

Was genau bewirken Antidepressiva eigentlich? Und was nicht?

Da Sie, Frau Müller, in ihrem Artikel über Ihre Einnahme bzw. das Absetzen von dem Antidepressivum „Sertralin“ schreiben, gehe ich mal davon aus, dass die von Ihnen hinzugezogenen Psychiater und Professoren auf Seite 95 ebenfalls von den Antidepressiva der 2. Generation sprechen.

Sie drucken auf dieser Seite eine Art „Anleitung“ mit dem Titel „Absetzen: so funktioniert es“ ab. Trotz der fachlichen Quellen, wird bereits im ersten Absatz auf Seite 95, unter dem Titel „Was erklärt die Entzugserscheinungen“, die tatsächliche Wirkung von Antidepressiva (der 2. Generation) falsch erläutert! Wie kann das sein?

Zitat: „Die meistverwendeten Antidepressiva […] versorgen Körper und Gehirn mit mehr Serotonin.“

Mehr Serotonin“ – jein …bzw. NEIN. Antidepressiva der 2. Generation produzieren KEIN Serotonin und somit vor allem keinen „Überschuss. Diese Antidepressiva sind sogenannte „selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI)“. Um ihre Wirkung zu entfalten müssen die Wirkstoffe die Blut-Hirn-Schranke überwinden (wie es auch Medikamente zur Behandlung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems versuchen). Haben die Wirkstoffe mal die Blut-Hirn-Schranke überwunden, muss es dem Wirkstoff zusätzlich gelingen nicht gleich wieder abtransportiert zu werden.

Lange Rede kurzer Sinn: SSRIs, wie Sertralin, erhöhen die Serotoninkonzentration des eigen produzierten Serotonins im synaptischen Spalt, indem sie die Wiederaufnahme des Neurotransmitters hemmen. Ergo: Mehr Serotonin Anhäufung des körpereignen Serotonins – weniger Depression. Was mich zu meinem nächsten Punkt führt.

 Die „Beweise für die Wirkung von ADs seien hauchdünn“

Sie zitieren in Ihrem Bericht eine Laiin, die Ihnen auf einem Fest irgendwelches Halbwissen aus Ihrem Handy vorgelesen hat. Und dazu war das, was die Dame gesagt hat, auch noch falsch!

Zitat: Die „Beweise für die Wirkung von ADs seien hauchdünn“.

Die Wirkung von Antidepressiva ist glasklar, wissenschaftlich getestet und bewiesen (siehe Punkt 3)!! Was nicht klar bzw. nicht nachweislich im Zusammenhang steht, ist die Linderung einer Depression durch Antidepressiva. Aufgrund der zahlreichen positiv-Beispiele geht man davon aus, dass ein Zusammenhang zwischen einer erhöhten Konzentration des Serotonins im synaptischen Spalt und der Besserung des Zustands eines, an Depressionen erkrankten Patienten besteht.

Die erhöhte Konzentration des Serotonins im synaptischen Spalt durch die SSRIs ist vielleicht nicht die direkte Antwort auf eine depressive Erkrankung, wie etwa der Druckverband über einer Wunde, aber es hat sich als Behandlungsmöglichkeit erwiesen.

Das Warum

Kommen wir zum, aus meiner Sicht wichtigsten Punkt in der ganzen Diskussion über die Einnahme von Antidepressiva. Die Gründe!

Die Gründe, warum einem Patienten Antidepressiva verschrieben werden, sind von Patient zu Patient anders. Es gibt einige Patienten, bei denen eventuell nicht zwingend eine Behandlung mit Antidepressiva erforderlich ist, aber das Medikament dennoch verschrieben wird. Es hängt auch davon ab, welchen Arzt der Patient aufsucht. Psychiater und Hausärzte sind nun mal die Adressen, die Medikamente verschreiben (können). Psychologen dagegen arbeiten eher verhaltensorientiert und vielen Patienten hilft das oft schon, besser im Leben zu Recht zu kommen. Um zu verdeutlichen wie fundiert meine Thesen sind, hier ein Aussschnitt von der Website der Deutschen Depressionshilfe:

 „Wie entsteht eine Depression?“

Neurobiologische Seite
„Neben psychosozialen Auslösern gibt es auch körperliche Ursachen für das Entstehen einer Depression, d.h. Veränderungen im Körper und insbesondere neurobiologische Veränderungen im Gehirn. Hierzu zählen z.B. genetisch bedingte Faktoren, die das Risiko zu erkranken beeinflussen. Als Auslöser können aktuelle Veränderungen in den Stresshormonen oder Ungleichgewichte in anderen Botenstoffen im Gehirn wirken.“

Eine neurobiologische Ursache für eine Depression nimmt dem Patienten die Entscheidung, ob Medikamente Sinn machen oder nicht, eigentlich ab. Oft ist es auch nicht immer klar zu trennen, ob die Ursache psychosozial oder körperlich ist. Und das ist der springende Punkt: Es geht, wie bei jedem anderen Medikament, nicht darum ob ich „will“ oder nicht. Die Frage sollte immer sein: Hilft mir das Medikament bei meinem Leiden und vertrage ich es gut? Alles andere ist eine subjektive, persönliche Bewertung und Entscheidung. Menschen mit einer degenerativen Nervenerkrankung würden sich sicherlich auch gerne „ohne Pillen gut fühlen“ – ist es da dann etwa gesellschaftlich mehr akzeptiert, dass diese ihre Tabletten dennoch nehmen?

„Besser“ oder „schlechter“ sollte keine Rolle spielen

Was besser oder schlechter ist, sollte so gar nicht bewertet oder abgewertet werden. Und vor allem sollte eine Zeitschrift wie Ihre nicht die Plattform dafür bieten. Es geht hier doch nicht um etwas wie das Rauchen aufzuhören oder keine Fingernägel mehr zu kauen. Es geht um ein Medikament, das zunächst mal nicht von anderen Medikamenten zu unterscheiden ist.

Mein Fazit: Für die persönliche Entscheidung, ob ein Medikament für einen selber geeignet scheint, spielt die öffentliche Diskussion aus meiner Sicht einfach keine Rolle! Und wenn dann ausschließlich mit fachlich fundierten Quellen und Fakten – und vor allem ohne „werbliche“ Titel-Teaser.

PS: Wenn du dich in einer akuten Krise befindest, wende dich sich bitte an deinen behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter 112.

Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222.

Hier auch der Link zur Hilfeseite.